Betriebskosten 2026: Wo deutsche Unternehmen ihre Margen verlieren

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Die Rechnung ist im Prinzip einfach: Wenn die Kosten um elf Prozent steigen und nur zwei Drittel der geplanten Preiserhöhungen am Markt ankommen, bleibt ein Teil der Belastung im eigenen Haus hängen. Genau das beschreibt die „B2B Price Increase Study 2026“ der Strategieberatung Simon-Kucher, für die im April 2026 insgesamt 213 Führungskräfte aus Industrie- und B2B-Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt wurden. Die befragten Unternehmen rechnen im Durchschnitt mit Kostensteigerungen von elf Prozent – durchgesetzt werden davon nur rund zwei Drittel der angekündigten Preiserhöhungen.

Die Folge ist ein Muster, das in der Bilanz zunächst unauffällig aussieht: Umsätze bleiben nominal stabil oder legen sogar zu, die Marge schrumpft trotzdem. 60 Prozent der befragten Unternehmen sehen laut Studie bereits heute deutliche negative Auswirkungen auf ihr Geschäft.

Die Kostenwelle: Energie, Rohstoffe, Logistik

Ausgelöst wurde der neue Schub vor allem an den Energie- und Rohstoffmärkten. Der Konflikt am Golf und die Blockade der Straße von Hormus haben Öl und Gas für die Produktion teurer gemacht, Rohstoffpreise zogen an, Transport- und Lieferkosten stiegen. Diesel verteuerte sich zuletzt zeitweise um mehr als 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr – für Logistikunternehmen unmittelbar höhere Transportkosten, die sich entlang fast aller industriellen Lieferketten fortsetzen.

Bei den industriellen Rohstoffen ist das Bild ähnlich: Aluminium verteuerte sich zuletzt um rund 25 Prozent, Stahlpreise legten in Europa um bis zu 30 Prozent zu. Auch Kunststoffe, Verpackungsmaterialien und petrochemische Vorprodukte erreichten neue Jahreshochs; die Preise für zentrale Bausteine der Kunststoffindustrie stießen auf historische Höchststände. Betroffen sind damit genau jene Grundstoffe, aus denen Lacke, Dämmstoffe, Autoteile oder Verpackungen entstehen.

In der amtlichen Statistik ist die Bewegung sichtbar, aber gedämpft. Die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte lagen in Deutschland im April 2026 um 1,7 Prozent über dem Vorjahresmonat, gegenüber März stiegen sie um 1,2 Prozent. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts ging der Anstieg vor allem auf höhere Preise für Vorleistungsgüter zurück, auch Energie verteuerte sich im Jahresvergleich. In Österreich blieben die Erzeugerpreise im produzierenden Bereich im März 2026 im Jahresvergleich stabil, der zuvor deutliche Preisrückgang bei Energie schwächte sich jedoch ab. In der Schweiz stieg der Produzenten- und Importpreisindex im April gegenüber dem Vormonat um 0,8 Prozent – unter anderem wegen höherer Preise für Mineralölprodukte, Erdöl und Erdgas sowie Metalle und Metallhalbzeug.

Wer es am härtesten trifft

Nicht alle Branchen tragen die gleiche Last. Besonders betroffen sind laut Simon-Kucher Verpackungshersteller, Baustoffunternehmen und Komponentenhersteller. In der Verpackungsindustrie erwarten die befragten Unternehmen Kostensteigerungen von knapp 17 Prozent. Genannt werden zudem der Maschinenbau sowie die Glas- und Verpackungsindustrie, dazu energieintensive Bereiche wie Chemie, Metall und Baustoffe.

Für viele dieser Unternehmen kommt die Kostenwelle zum schlechtesten Zeitpunkt: Sie stecken seit Jahren in einer Kombination aus schwacher Konjunktur, hohen Energiekosten, sinkender Nachfrage und wachsender Konkurrenz aus China.

Der zweite Margenfresser: das eigene Preismanagement

Der interessantere Befund der Studie betrifft nicht die Märkte, sondern die internen Prozesse. Viele Firmen wollen Preiserhöhungen kurzfristig umsetzen, arbeiten intern aber weiterhin mit Abläufen, die auf jährliche Preisrunden ausgelegt sind. Nur rund 30 Prozent der befragten Unternehmen definieren klare Ziel- oder Mindestpreise für Verhandlungen. Weniger als jedes fünfte Unternehmen plant Zugeständnisse systematisch im Voraus.

In wettbewerbsintensiven Märkten ist das teuer. Wer höhere Preise ankündigt, sie im Vertrieb aber nicht durchsetzt, trägt die gestiegenen Kosten teilweise selbst. Als zentrale Hürden nennt die Erhebung Wettbewerbsdruck, schwierige Kundenverhandlungen und langfristige Vertragsbindungen. Aus Sorge vor Wettbewerbsverlusten verzichten viele Unternehmen von vornherein auf eine konsequente Kostenweitergabe – und geben steigende Kosten nur teilweise weiter.

Pricing-Experte Hermann Simon, Gründer von Simon-Kucher und Autor von „Hidden Champions“ und „Power Pricing“, setzt in einem Interview mit dem INDUSTRIEMAGAZIN genau hier an. Themen des Gesprächs sind unter anderem, warum Manager den Preishebel unterschätzen, warum kostenbasiertes Pricing gefährlich ist, weshalb dynamisches Pricing starre Preisrunden ersetzen sollte, warum Rabatte Gewinne zerstören und welche Rolle Künstliche Intelligenz im Preismanagement künftig spielen wird. Sein Grundargument: Der Preis ist der stärkste Gewinntreiber – und Preise sind oft wichtiger als Marktanteile. Simon-Kucher verweist zudem auf die Bedeutung differenzierter Ansätze; eine pauschale Begründung mit höheren Kosten reicht bei Kunden, die selbst unter Kostendruck stehen und Alternativen prüfen, häufig nicht mehr aus.

Personalkosten und Auslastung: der Maschinenbau als Fieberthermometer

Wie stark der Kostendruck inzwischen dominiert, zeigt das PwC Maschinenbau-Barometer für das zweite Quartal 2026, eine Panelbefragung von 150 Führungskräften des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus, erhoben zwischen 13. Mai und 12. Juni 2026. Neun von zehn befragten Unternehmen sehen den steigenden Kostendruck als größtes Wachstumshindernis. 67 Prozent rechnen mit steigenden Personalkosten im Jahr 2026, im Schnitt um 4,7 Prozent.

Gleichzeitig fehlt die Auslastung, über die sich Fixkosten verteilen ließen: Die durchschnittliche Kapazitätsauslastung liegt bei 79,9 Prozent und damit erstmals seit Längerem wieder unter der kritischen Marke von 80 Prozent; seit drei Jahren verharrt sie unter 90 Prozent. Die Umsatzprognose für die Gesamtbranche ist auf –3,6 Prozent gerutscht, nach –0,7 Prozent im Vorquartal; für das eigene Unternehmen erwarten die Befragten im Schnitt –1,6 Prozent. Nur noch elf Prozent blicken optimistisch auf die deutsche Wirtschaft, 62 Prozent rechnen mit einer negativen Entwicklung. Auffällig: Unternehmen unter nahezu Volllast bewerten die Aussichten mit 0,9 Prozent deutlich positiver als unterausgelastete mit –7,3 Prozent.

Das gesamtwirtschaftliche Umfeld bleibt gemischt. Der ifo-Geschäftsklimaindex stieg im Mai auf 84,9 Punkte nach 84,5 Punkten im April – das ifo Institut spricht aber nur von einer vorläufigen Stabilisierung, die Lage bleibe fragil. Der reale Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe legte im März 2026 gegenüber dem Vormonat um 5,0 Prozent zu, die Produktion sank im selben Monat jedoch um 0,7 Prozent.

Der neue Kostenblock: KI-Infrastruktur

Ein Margenfresser, der 2026 sichtbar wird, steht in keiner klassischen Energiebilanz. Eine aktuelle Studie zum KI-Kostenmanagement kommt zu dem Ergebnis, dass 84 Prozent der Unternehmen einen Rückgang ihrer Bruttomargen um mehr als sechs Prozent verzeichnen – allein durch Ausgaben für KI-Infrastruktur. 80 Prozent der Organisationen haben ihre KI-bezogenen Kostenprognosen um mehr als ein Viertel verfehlt. Als Beispiel wird der Fahrdienstleister Uber genannt, der sein gesamtes KI-Budget für 2026 bereits in den ersten vier Monaten des Jahres aufgebraucht haben soll.

Die Reaktion ist eine Rückwärtsbewegung: 67 Prozent der Unternehmen planen laut Marktbeobachtern, KI-Workloads aus der Cloud zurück auf eigene Server zu verlagern, um Kosten in den Griff zu bekommen. Auch große Anbieter sparen – Microsoft kündigte an, bis Ende Juni Claude-Code-Lizenzen für tausende Ingenieure zu kündigen und stattdessen auf das hauseigene GitHub Copilot zu setzen. Besonders hart trifft es den Bankensektor, wo KI-Rechnungen von Zehntausenden auf mehrere Millionen Euro steigen, unter anderem wegen Lieferengpässen bei Anbietern wie Anthropic, das die Preise für sein Claude-Modell deutlich angehoben hat.

Dazu kommen Reibungsverluste: Britische Unternehmen verlieren durchschnittlich 24 Prozent ihres KI-Budgets an Komplexität, bevor sie überhaupt einen Return on Investment sehen – umgerechnet rund 13,5 Milliarden Euro pro Jahr. 83 Prozent der IT-Verantwortlichen berichten zudem, dass KI-Outputs regelmäßig Fehler oder Rauschen in ihre Prozesse einbringen. Und 79 Prozent der befragten US-Technikführungskräfte fühlen sich unter Druck gesetzt, ihre KI-Fortschritte schöner darzustellen, als sie sind – oft auf Drängen von Vorständen oder der Chefetage.

Struktureller Untergrund: Energie, Fachkräfte, Bürokratie

Unter der aktuellen Kostenwelle liegen längerfristige Belastungen. Deutschlands Wirtschaftsleistung stieg 2025 preisbereinigt lediglich um 0,2 Prozent – das Statistische Bundesamt beschreibt damit eine nur schwache Erholung nach zwei Rezessionsjahren; die DIHK-Konjunkturumfrage vom Jahresbeginn 2026 zeigt weiterhin eine angespannte Stimmung in den Betrieben. Laut DIHK-Energiewende-Barometer 2025 bewertet etwa jeder dritte Betrieb die Folgen der Energiewende für das eigene Geschäft negativ. Die KfW-Sonderbefragung zum Mittelstand 2025 nennt Bürokratie und Fachkräftemangel als zentrale Belastungen.

Der Arbeitsmarkt verengt sich unabhängig von der Konjunktur: Die Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit weist für 2025 insgesamt 157 Berufe aus, in denen die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften das Angebot deutlich übersteigt – besonders in Pflege und Gesundheit, im Handwerk, im Baugewerbe und in Teilen der Informationstechnik. Nach Angaben von Destatis erreichen bis 2039 rund 13,4 Millionen heutige Erwerbspersonen das gesetzliche Rentenalter.

Dass Energiekosten auch abseits der Produktion durchschlagen, zeigt der Immobilienmarkt: Im ersten Quartal 2026 lagen die durchschnittlichen Betriebskosten im deutschen Wohnsegment laut CBRE bei 2,49 Euro pro Quadratmeter und Monat, ein Anstieg um 3,8 Prozent binnen zwölf Monaten; in den Top-7-Städten waren es 2,94 Euro, in München 3,47 Euro. Über fünf Jahre stiegen die Nebenkosten in den Top-20-Städten um rund 19,5 Prozent – nahezu im Gleichschritt mit der allgemeinen Inflation von 21,6 Prozent. Angesichts des Konflikts im Nahen Osten und der Verwerfungen an den Energiemärkten dürften sie nach CBRE-Einschätzung weiter steigen und strukturell hoch bleiben.

Was Unternehmen jetzt konkret prüfen können

Entscheidend ist laut Simon-Kucher nicht nur die Höhe der Kostensteigerung, sondern wie schnell und konsequent Unternehmen darauf reagieren. Praktisch heißt das: klare Ziel- und Mindestpreise für Verhandlungen definieren, Zugeständnisse im Voraus planen und Preisprozesse vom jährlichen Rhythmus lösen.

Auf der Kostenseite empfiehlt sich ein monatliches Kosten-Audit: Für wichtige Kostenarten die Quote am Nettoumsatz berechnen. Steigt etwa die Energiequote, sollten Preisentwicklung, Verbrauch und Auslastung getrennt geprüft werden – erst darauf aufbauend sind neue Lieferkonditionen, Lastgangmessungen oder Investitionen in effizientere Anlagen sinnvoll. Bei Lieferanten lohnt der Blick auf Mindestmengen, Preisgleitklauseln und Ausweichquellen: Eine günstige Einheit kann teuer werden, wenn hohe Bestände Kapital binden oder verspätete Lieferungen Umsatz kosten. Für Effizienzinvestitionen kann das BAFA-Förderprogramm für Energie- und Ressourceneffizienz relevant sein. Offene Stellen sollten außerdem nach entgangenem Deckungsbeitrag bewertet werden, nicht nur nach Recruitingkosten.

Auch die Beschaffungs- und Absatzstruktur gehört auf den Prüfstand, denn Störungen in der Lieferkette wirken sich direkt auf die Margen aus. Laut dem „World Business Outlook“ der deutschen Außenhandelskammern verlieren die USA wegen hoher Zölle an Attraktivität; deutsche Unternehmen investieren verstärkt im europäischen Binnenmarkt, insbesondere in Polen, wo der Handel Jahr für Jahr neue Rekordniveaus erreicht. Germany Trade & Invest bezeichnet industrialisierte osteuropäische Länder wie die Visegrád-Staaten als „Wachstums-Stars“. Das im Januar 2026 beschlossene Freihandelsabkommen zwischen EU und Indien nennt die Industrie- und Handelskammer einen „Game-Changer“: Es soll die EU-Warenausfuhren nach Indien bis 2032 verdoppeln und jährlich rund 4 Milliarden Euro an Zöllen einsparen.

Am Ende läuft 2026 auf eine doppelte Aufgabe zu. Ohne konsequentes Kostenmanagement, Innovationskraft und neue Geschäftsmodelle droht dem Maschinen- und Anlagenbau laut PwC der Verlust seiner internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Und ohne durchsetzbare Preise bleibt jede Kostensenkung nur die Hälfte der Rechnung.

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