Zinswende mit Nebenwirkungen: Was Anleger jetzt bewegt

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Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins erneut angehoben — wie von den Märkten erwartet. Zugleich rechnet sie länger mit hoher Inflation. Für Sparer, Anleger und Kreditnehmer beginnt damit eine Phase, die sich nicht so einfach sortieren lässt, wie es die Lehrbuchlogik nahelegt. An den Börsen wirkt der Zinsentscheid bereits nach: Der DAX zeigte sich nach dem Beschluss schwächer, zusätzlich schüren gestiegene Ölpreise neue Inflationssorgen.

Die Notenbank agiert aus einer Position der Stärke

Die EZB tagte dieses Mal in Berlin — und sie tat es mit einer Glaubwürdigkeit auf ungewöhnlich hohem Niveau. Dennoch kommen turbulente Zeiten auf die Währungshüter zu: Die nächste Phase gilt als großer Stresstest für Europas Notenbanker.

Für Verbraucher heißt das konkret: Am Tagesgeldmarkt zeichnet sich ein neuer Wettlauf ab. Wer sein Erspartes parkt, sollte die Angebote im Blick behalten. Aktuell werben Vergleichsportale beim Tagesgeld mit Zinsen um vier Prozent, beim Festgeld mit rund 3,5 Prozent. Betroffen von der neuen Zinswelt sind dabei nicht nur Sparprodukte, sondern auch Aktien und Immobilienkredite — und die Zinswende läuft für Verbraucher anders ab, als die Lehrbuchlogik vermuten lässt.

Gold trotzt dem Zinsschock

Beim Gold hätte man nach dem Zinsschritt Schwäche erwarten können — doch das Edelmetall hält sich. Getragen wird es von einem spürbaren Misstrauen am Anleihemarkt. Wie belastbar dieses Muster ist, dürfte sich an den nächsten Konjunkturdaten zeigen.

Auch beim Bitcoin ist die Stimmung gedreht. Monatelang zogen Anleger Geld aus US-Bitcoin-ETFs ab, das Fondsvermögen schrumpfte drastisch. Nun ist in der Charttechnik das sogenannte „Goldene Kreuz“ aufgetaucht, ein Kaufsignal, auf das die Kryptoszene gewartet hat — und die genannten Kursziele steigen rasant, bis in den Bereich von 270.000 Dollar. Prominente Stimmen wie Changpeng Zhao sehen die Kryptowährung ohnehin vor einem extremen Wachstumsschub und stellen die Frage, ob Bitcoin am Ende Gold überholt. Wer solche Zielmarken liest, sollte sie als das nehmen, was sie sind: Erwartungen, keine Zusagen.

Künstliche Intelligenz bleibt der große Treiber

An der Wall Street ist das dominierende Thema unverändert die Künstliche Intelligenz. TSMC meldete den vierten Rekordmonat in Folge — ein Signal dafür, dass die Nachfrage nach KI-Chips ungebrochen ist, mit Ausstrahlung auf Wettbewerber und Zulieferer wie Samsung oder Intel.

Entsprechend optimistisch sind die Häuser: Mehrere Banken haben ihre Kursziele angehoben, einige sehen den S&P 500 bei 8000 Punkten oder höher. Ausdrücklich benannt werden dabei allerdings auch klare Risiken. Im Fokus steht zudem Oracle vor der Vorlage neuer Zahlen; das Analysehaus Bernstein stellt sich dort gegen die pessimistischen Stimmen. Gleichzeitig belasten Zinssorgen die Wall Street — der DAX notierte vorbörslich zuletzt 0,2 Prozent im Minus.

Das andere Amerika

Dass ein Börsenaufschwung und die Stimmung der Bevölkerung weit auseinanderliegen können, zeigt der Blick auf die USA. Ein Wachstum von 2,1 Prozent trifft dort auf frustrierte Verbraucher. Löhne, Hauspreise und Kreditzinsen erklären, warum viele Amerikaner vom Aufschwung wenig spüren.

Einzelwerte zwischen Zulassung und Margendruck

Auf Unternehmensebene bleibt das Bild gemischt. Bayer hat für das Krebsmittel Sevabertinib die Zulassung der US-Behörde FDA erhalten — die Aktie reagierte dennoch mit Abgaben. Adidas zählte zu den schwächsten DAX-Werten, Grund ist Druck auf die Margen. Bei Porsche bringt der Verkauf von Anteilen an Bugatti und Rimac rund eine Milliarde Euro ein; die Trennung ist Teil eines größeren Strategieschwenks der Stuttgarter.

Im Telekomsektor sieht Goldman Sachs europäische Werte auf dem Vormarsch, wovon auch die Deutsche Telekom profitieren könnte. Und bei den lange gemiedenen Wasserstoff-Aktien wie Plug Power oder NEL wird wieder über eine Trendwende diskutiert — im Zusammenhang mit den gestiegenen Ölpreisen.

Wer international streuen will, findet auch abseits der großen Indizes Bewegung: Griechenlands Wirtschaft boomt, die Börse haussiert, und die dortigen Aktien sollen bald wieder in die erste Liga der Indizes aufgenommen werden. Für Investoren öffnet sich damit ein kurzfristiges Fenster.

Rendite fängt bei den Kosten an

Bei all den Kurszielen und Prognosen wird ein Faktor gern übersehen, der sich im Gegensatz zur Marktentwicklung tatsächlich steuern lässt: die Gebühren. Ein Vergleich für zehn Trades à 2.500 Euro mit DAX-Aktien am jeweils günstigsten Handelsplatz zeigt die Spannweite. Bei etablierten Direktbanken liegen die Standard-Ordergebühren dafür bei rund 111,50 bis 112 Euro, jeweils zuzüglich Spreads. Neobroker beginnen bei 0 Euro — ebenfalls zuzüglich Spreads. Bei kleineren, regelmäßigen Orders summiert sich dieser Unterschied über die Jahre.

Passend dazu hat sich eine ganze Landschaft an Werkzeugen etabliert: Depot-, Girokonto-, Tagesgeld- und Festgeldvergleiche, ETF-Suchmasken mit Filtern nach Themen, Regionen und Sektoren, Zinseszins- und Sparrechner, Brutto-Netto-Rechner oder Vergleiche zum Thema Mieten oder Kaufen. Auch Beitragsrechner für den Wechsel der gesetzlichen Krankenkasse gehören inzwischen dazu. Dass Bedarf besteht, zeigt der Erfolg der Ratgeberformate: Ein Finanzbuch von Finanzfluss erreichte Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste und wurde über 600.000 Mal verkauft. Finanztip verweist darauf, als Teil einer gemeinnützigen Stiftung unabhängig und frei von wirtschaftlichen Interessen zu testen. Bei Empfehlungslinks fließt allerdings häufig eine Vergütung an den Betreiber — ein Hinweis, den man beim Lesen solcher Ranglisten mitdenken sollte.

Ein alter Begriff mit schlechtem Ruf

Interessant ist übrigens, wie das Wort „Finanzen“ überhaupt entstand. Es erschien in einem deutschen Text erstmals 1341 in Köln — und zwar in einem denkbar schlechten Sinn: als „Geldgeschäft im üblen Sinn oder Wucher“. Um 1549 galt der „Finanzer“ als Wucherer oder listiger Betrüger, und diese Bedeutung hielt sich bis ins 18. Jahrhundert. Erst über Zahlungen an die Staatskasse wandelte sich der Begriff zu „Staatseinkünfte, Geldwesen des Staats“. Kaspar von Stieler definierte ihn 1695 als „Steuern, Einkommen einer königlichen und fürstlichen Kammer“.

Heute ist „Finanzen“ der Sammelbegriff für Finanzwesen und Finanzwirtschaft, im engeren Sinn für öffentliche Finanzen — umgangssprachlich aber schlicht für die Geldmittel und die Bonität von Privathaushalten, Unternehmen und Staat. Genau darum geht es letztlich auch bei Zinsentscheid, Depotkosten und Kursziel: um die eigene Handlungsfähigkeit.

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